Reisen

48 Stunden in Marseille

7. Mai 2019

Marseille hat uns umgehauen, in vielerlei Hinsicht. Ich mag es, auch mal unvorbereitet in eine Reise zu starten. Die Stadt einfach auf sich zukommen zu lassen. Das ist insbesondere in großen Städten wie London und New York keine besonders gute Idee, aber Marseille hat eine gute Größe für so einen Überraschungs-Trip. Durch Berlin sind wir das Großstadtleben auch irgendwie gewöhnt und zu Frankreich habe ich eine starke Bindung – durch mein Auslandsstudium und -praktikum sowie die Sprache, die ich nach wie vor einfach liebe. Deswegen kann ich mit der Kultur und Mentalität gut umgehen. Es fühlt sich tatsächlich auch immer ein bisschen an wie nach Hause kommen.

Marseille war eine Station in unserer Rundreise durch Südfrankreich. Gestartet sind wir in Lyon, danach ging es weiter nach Grasse, Marseille und schließlich über Toulouse zurück nach Berlin. In Marseille hatten wir insgesamt „nur“ 48 Stunden. Daraus ist auch kurzerhand dieses Format entstanden. So, genug Vorgeplänkel, auf geht‘s in diese faszinierende Stadt!

Marseille ist ein Meltingpot der Kulturen. Sie ist nach Paris die zweitgrößte Stadt Frankreichs und zählt momentan etwa 3 Millionen Einwohner. Wir hatten ein AirBnB in der Gegend um den Hauptbahnhof. Dieses möchte ich in dem Fall nicht empfehlen, da die Lage nicht so 1a war, und auch das Apartment an sich etwas zu wünschen übrig ließ. Wir hatten auf der gesamten Reise riesiges Glück mit unseren Unterkünften, ausgerechnet in Marseille war es eher ein Reinfall. Aber gehört auch dazu. Wir mussten von unserem AirBnB relativ weit in die Innenstadt laufen und in der Gegend gab es kaum Einkaufsmöglichkeiten. Schön ist es sicher in Le Panier oder um den Cours Julien, dem Street-Art Mekka von Marseille. Wir haben aber einfach zu spät gebucht.

Tag 1: Zwischen Trubel und Ruheoasen

9.00 Uhr Frühstück: Mit dem Frühstück – dem Petit Déjeuner – haben es die Franzosen generell nicht so. Ein Croissant, einen Kaffee und das war‘s. Wir sind beide nicht so die Süß-Frühstücker, weswegen es uns des Hungers wegen am ersten Tag in eine kleine Bäckerei auf dem Boulevard d’Athènes verschlagen hat. Die gibt es in Frankreich an jeder Ecke. Wenn wir Städtetrips machen, versuchen wir eigentlich alles zu Fuß zu laufen. Dabei sieht man einfach am meisten und am Ende des Tages fühlen sich die Beine so wunderbar schwer an, dass man schlummert wie ein Baby. Weiter ging es also für uns zu Fuß Richtung Noailles.

11.00 Uhr Maison Empereur: Diesen abgefahrenen, verwinkelten Laden hat uns unser wundervoller AirBnB-Host, Benoite, aus Grasse empfohlen. Unscheinbar von außen verstecken sich hinter der großen dunkelbraunen Tür allerhand Fundstücke. Wenn wir nicht nur mit Handgepäck unterwegs gewesen wären, hätte ich mich sicher zu der ein oder anderen Sache hinreißen lassen. Aber einfach nur in diesem Laden zu stöbern, ist unvergleichlich. Ich weiß gar nicht, wie ich die Maison Empereur beschreiben soll. Ein Tante Emma-Laden für alles?! Über eine große Auswahl an Marseiller Seifen, der Savon de Marseille, gibt es von Inneneinrichtung über Keramik, Teppiche und – genau – Besen einfach alles. Auch Duftkerzen, Schuhwachs und Parfum. Das meiste, was man dort zu kaufen bekommt, stammt aus der Umgebung. Dabei liegt der Fokus auch auf antiken bzw. altbewährten Haus- und Haushaltsartikeln, die noch aus einer längst vergessenen Zeit zu stammen scheinen. So wird ihr Erbe an Generation von Generation weitergegeben. Das finde ich einen sehr schönen Gedanken für einen Laden. Dort haben wir bestimmt eine Stunde gestöbert.

12.00 Uhr Epicerie L’Idéal: Danach packte uns der Hunger – das Frühstück war doch sehr klein ausgefallen – und wir sind kurzerhand in die direkt benachbarte Epicerie L’Idéal gestolpert. Auch das war eine Empfehlung von Benoite. Dieser kleine Feinkostladen bietet mittags auch ein buntes und recht günstiges Angebot. Man kann zwischen verschiedenen, auch vegetarischen, Optionen wählen. Wir hatten ein leckeres hausgemachtes Focaccia bunt belegt und mit grünem Salat sowie einen kalten Pasta-Salat mit Zucchini und Ruccola.

14.00 Uhr Palais Longchamp: Danach ging es gestärkt weiter zu Fuß durch das legendäre Viertel Noailles. Es ist das multikulturelle Zentrum Marseilles. Man kommt sich tatsächlich vor wie in einer arabischen oder afrikanischen Großstadt. Was uns in Marseille immer wieder aufgefallen ist, die Stadt kann sich von einer in die andere Straße komplett verändern. Besonders, wenn man wie wir vom Alten Hafen über Noailles Richtung Palais Longchamp zu Fuß läuft und dabei noch über zahlreiche Märkte „stolpert“. Das Palais Longchamp ist ein eindrucksvolles Bauwerk, das man über zahlreiche Stufen erklimmen kann, und das von einem prächtigen Park umgeben wird. Dort haben wir eine Weile verbracht und uns vom Trubel der Stadt etwas erholt. Er lädt ein zu einem ausgiebigen Spaziergang oder einem romantischen Picknick unter Bäumen.

17.00 Uhr Musée de la Savonnerie La Licorne: Das Traditionsunternehmen La Licorne hat am Alten Hafen ein eigenes Seifenmusuem, wo wir für 1€ Eintritt mehr über die Geschichte der Seifenproduktion allgemein und der Savon de Marseille im Speziellen erfahren haben. Außerdem haben wir an einem großen Tisch blind Düfte aus der Region erraten, was uns großen Spaß gemacht hat. Am Ende durften wir uns im angeschlossenen Laden eine Seife kostenlos mitnehmen, das gehört zum Besuch des Museums. Wir fanden das einen ganz kurzweiligen Zwischenstop auf unserem Weg vom Alten zum Neuen Hafen und haben die Ruhe im Museum sehr genossen – wir waren tatsächlich alleine.

18.00 Uhr Docks: Den Alten Hafen haben wir anschließend hinter uns gelassen und sind, entlang des Quai du Port und des Fort Saint-Jean, eine sehr eindrucksvolle Festung direkt am Wasser, in Richtung Neuen Hafen geschlendert. Das ist nicht nur ein schöner Weg zum Spazieren und Verweilen, sondern auch die direkte Verbindung zwischen dem historischen und dem modernen Marseille. A propos modern, die Docks sollte man sich bei einem Marseille-Besuch unbedingt mal anschauen. Inmitten des Businessviertels La Joliette wurde ein altehrwürdiges Handelsgebäude zu einer Art multifunktionalen Mall mit Restaurants, kleinen Concept Stores und Boutiquen umfunktioniert. Im Gebäude sitzen außerdem zahlreiche Unternehmen und Start-Ups. Dabei ist die historische Fassade komplett erhalten wurden, wodurch es überhaupt nicht wie ein Einkaufszentrum oder Bürokomplex wirkt. Im Gegenteil, jede Halle hat ein spezielles Thema und Indoor-Palmen sorgen für den gewissen tropischen Twist.

20.00 Uhr Yoj am Neuen Hafen: Nach über 20 km, die wir zu Fuß zurückgelegt haben, hat uns – mal wieder – der Hunger gepackt. Nachdem wir auf dem Dach der Terrasses du Port mit einem grandiosen Blick über den Neuen Hafen ein kühles Getränk geschlürft hatten, sind wir bei Yoj zum Abendessen eingekehrt. Gut asiatisch essen können wir natürlich auch in Berlin, aber das Yoj sah sehr einladend aus und wir hatten Appetit darauf. Außerdem hat uns die Terrasse dazu eingeladen, noch ein Stück länger sitzen zu bleiben und den Abend ganz entspannt ausklingen zu lassen. Damit waren die ersten 24 Stunden in Marseille schon fast vorbei.

Tag 2: Nicht nur kulinarische Highlights

10 Uhr Coffee A Naan in Le Panier: Unser zweiter Tag begann mit einem für Franzosen eher untypischen Frühstück: einem frisch gebackenen und bunt gefüllten Naan-Brot im Coffee A Naan im Künstlerviertel Le Panier. Wir waren am Anfang die einzigen Gäste, nach und nach wurde es aber doch recht voll auf der sonnigen Terrasse. Wahrscheinlich sahen wir so zufrieden aus mit unserem Frühstück. Das waren wir aber wirklich, denn es geht doch nichts über frisch gebackenes Brot (egal welches) am Morgen. Nachdem ich in Lyon ein halbes Jahr direkt über einer Bäckerei gewohnt habe, liebe ich es, morgens diesen Duft von Croissant, Baguette & Co in der Nase zu haben. Dazu gab es einen, dann wieder sehr typischen, „café alongé“ – was bei uns ein Americano ist – und einen Orangensaft.

12 Uhr Spaziergang durch Le Panier: Das Künstlerviertel von Marseille, Le Panier, wo auch unser Frühstückslokal lag, lädt einfach nur zum Schlendern und Flanieren ein. Ähnlich wie das Pariser Montmartre hat es einen ganz besonderen, alternativen Charme, ist aber lang nicht so überlaufen. Hier, etwas abseits der Hauptstraßen, kann man die echte Marseiller Seife kaufen und sich im Duft von getrockneten Lavendelblüten, prächtigen Farben und verwinkelten Gassen verlieren. An jeder Ecke gibt es kleine Cafés und Läden, die zum Verweilen einladen.

14 Uhr Basilika Notre Dame de la Garde: Für diesen Tag hatten wir ein richtiges Highlight geplant. Die prächtige Basilika Notre Dame de la Garde, die königlich am höchsten Punkt über die Stadt wacht. Die Marseiller nennen sie liebevoll ihre „Bonne Mère“ – die gute Mutter. Nicht nur, dass die Basilika an sich ein beeindruckendes, monumentales Bauwerk ist, von dort oben hat man außerdem einen grandiosen Ausblick über die Stadt. Und den haben wir ausgiebig genossen. Das Wetter war an dem Tag auf unserer Seite und zeigte uns ein Spektakel aus majestätischen Wolken und stahlblauem Himmel. Wer nicht gerade ein Auto hat, kommt auf zweierlei Wegen zur Basilika. Mit einer öffentlichen Buslinie vom Vieux Port, die wir gerade verpasst hatten, und mit dem Petit Train. Franzosen lieben ihren Petit Train und deswegen sind wir schmunzelnden Auges auch eingestiegen. So wehte uns bei der Fahrt nach oben nicht nur eine frische Brise um die Nase, wir haben auch noch einmal wahnsinnig viel von der Stadt gesehen. Einen kurzen Zwischenstop haben wir am Plage des Catalans – dem Katalanenstrand – gemacht. Wer Badesachen dabei hat, kann dort auch ins kühle Nass springen. Generell ist die Mischung aus Strand, Nähe zum Meer und Großstadt in Marseille genial.

20 Uhr Legendäres Abendessen bei Charly Pizza: Wer hätte es gedacht? Die beste Pizza gibt es in Marseille. Wir sind in den zwei Tagen ein paar Mal an Charly Pizza vorbeigelaufen und immer, aber wirklich immer, tummelte sich davor eine riesige Schlange. Menschen, die ihren Pizzakarton wie eine Tasche trugen oder ihr Pizzastück eingerollt wie ein Wrap aßen, kamen uns entgegen. Und wir dachten immer nur: Hier isst Marseille. Also stellten wir uns an unserem zweiten und letzten Abend einfach dazu – wir hatten einen Bärenhunger – und bestellten, so wie alle anderen auch, Pizza. Mit Oliven, mit Käse, mit Spinat – bei Charly Pizza wird der Belag minimalistisch gehalten. Mitten im Trubel von Noailles warteten wir geduldig auf unsere Pizza, die frisch aus dem Ofen in einem der legendären Kartons verpackt wurde. Mit unserer „Pizzatasche“ schlenderten wir runter zum Alten Hafen und schlemmten genussvoll auf einer Bank bei romantischem Sonnenuntergang unsere Pizza. Als ich im Nachhinein noch mal nachlas, stellte ich fest, dass Charly Pizza tatsächlich zu den besten der ganzen Stadt gehört.

Au revoir, Marseille! Wir kommen auf jeden Fall wieder, das nächste Mal hoffentlich ein Stück länger.

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